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Psychologische Beratung online? Jein! Das sind die 10 Vor- und Nachteile

Foto Psychologische Beratung online? Jein! Das sind die 10 Vor- und Nachteile

Ein Resümee zu den Stärken und den Schwächen der digitalen Beratungstools. Aus ganz praktischer Sicht und persönlicher Erfahrung – frei von schwammigen Digitalfakten.

Während so manche Berater*innen, Coaches und Therapeut*innen bereits vor einiger Zeit auf Videoberatung oder psychosoziale Angebote per Chat oder Mail setzten, musste spätestens mit Mitte März eine ganze Branche auf digitale Tools umschwenken. Was für mich vorab nicht infrage kam, wurde nun notwendig, um die Prozessarbeit mit meinen Klient*innen weiterführen zu können. Dass die meisten meiner Klient*innen das Angebot der Videoberatung bereitwillig und dankbar annahmen, überraschte mich dabei weniger als das Resümee, das ich nach über zwei Monaten mit dieser Form meiner Arbeit ziehen konnte.

Denn auch wenn für mich außer Frage steht, dass das digitale Ausbildungsangebot am IFGE ausschließlich die Pro-Seite füllen können, so betrachte ich die digitale psychologische Beratung durchaus differenzierter. Denn ein psychosozialer, innerer Entwicklungsprozess erfordert andere Rahmenbedingungen als spannende Ausbildungen, Workshops und Seminare. Warum ich einerseits positiv überrascht über die Möglichkeiten in der Videoberatung war und weshalb ich andererseits im Beratungsprozess – im Gegensatz zum Ausbildungskontext – spätestens nach einigen digitalen Einheiten immer den persönlichen Kontakt bevorzugen werde, zeigen die folgenden Erfahrungswerte.

5 Stärken der digitalen Videoberatung

Aufgrund der digitalen Unterrichtserfahrung sowie dank der datenschutzrechtlichen Weitsicht konnte mittels speziell verschlüsselter, absolut sicherer Technik nach dem Lock-down die psychologische Beratung nahtlos digital mit meinen Klient*innen weitergeführt werden. Hier finden Sie die praxisorientierten Erfahrungswerte, die meiner Meinung nach für die Videoberatung sprechen.

  1. Die digitale Videoberatung ermöglicht Menschen, die sich vielleicht inmitten eines psychologischen Beratungsprozesses bei Ihnen befinden und den Wohnort wechseln müssen, dass sie trotz dieser räumlichen Änderung ihre gewohnten Strukturen in der Beratung weiter erleben können. Gerade wenn sich ein Beratungsprozess in einer sehr wichtigen oder intensiven Phase befindet, kann es für Klient*innen ganz zentral sein, trotz räumlicher Distanz mit Ihnen digital „dranbleiben“ zu können.

  2. Ausnahmesituationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, die mit einem sicheren Onlineberatungstool gewährleistet werden können. Das muss nicht der Lock-down-Extremfall sein, sondern kann auch eine besondere Situation in Form eines Liegegips meinen.

  3. Der erste Beziehungsaufbau kann – vor allem auch über spezielle Tools wie das Systembrett – über den Bildschirm für die ersten Schritte in besonderem Maße gelingen. Wie das genau möglich wird, können Sie übrigens in unserer digitalen Fortbildung dazu lernen.

  4. In reinen Coaching-Prozessen steht das digitale Video-Coaching der persönlichen Betreuung in nichts nach. Im Gegenteil: Spezielle digitale Tools ermöglichen es, bestimmte, für den Coaching-Prozess notwendige Folien, Grafiken oder Statistiken rasch in die Einheit zu holen. Durch Bildschirmteilungen und andere Maßnahmen kann auf ein schier unerschöpfliches Pool an Unterlagen völlig flexibel zugegriffen werden, wodurch diese dem Coachee unkompliziert zugänglich gemacht werden können.

  5. Prinzipiell kann die Videoberatung als niederschwelliger betrachtet werden, als es die Beratung vor Ort in der Praxis ist. Der vertraute Rahmen in der eigenen Wohnung und das technische Gerät als gewisse Schutzbarriere zwischen Berater*in und Klient*in kann von Klient*innen erst einmal als eine Art Sicherheit erlebt werden. Durch die Onlineberatung kann beispielsweise mit Klient*innen daran gearbeitet werden, dass sie jene Ressourcen in sich finden, mit denen es gelingt, den wichtigen Schritt in das persönliche Beratungsgespräch zu wagen.

5 Schwächen der digitalen Videoberatung

Auch wenn die Beratungsprozesse für einen gewissen Zeitraum online sehr gut liefen, so ist für mich aus diversen Gründen der persönliche Prozess einem Videogespräch – wenn möglich – immer vorzuziehen. Selbst bei den oben genannten besonderen Ausnahmesituationen, wie etwa einem gebrochenen Bein, sollte meiner Ansicht nach spätestens nach drei bis fünf Stunden in den persönlichen Beratungsprozess gewechselt werden. Die Gründe dafür sind die folgenden fünf Schwächen der Onlineberatung via Video.

  1. Auch wenn Sie als Berater*in die modernste und beste Technik sowie die schnellste, sicherste und stabilste Internetverbindung zur Verfügung stellen, so hängt es doch auch von den digitalen Gegebenheiten Ihrer Klient*innen ab, in welcher technischen Qualität die Beratung ankommt. Bildausfälle und Internetunterbrechungen können sich sehr ungünstig auswirken.

  2. Gerade die psychologische Beratung fußt auf dem Prinzip der aktiven Mitwirkung der Klient*innen an ihrem eigenen Prozess. Beratung erfordert also Aktivität von den Kund*innen, um erfolgreich zu sein. Zu Hause zu bleiben und sich grundlos den Weg in die Praxis zu sparen, weil das Angebot „eh auch online möglich“ ist, fördert hingegen die Passivität. Die Einladung, in die Praxis zu kommen, ist stattdessen bereits eine Einladung dazu, aktiv etwas zu tun.

  3. Bestimmte Ängste, Sorgen und depressive Verstimmungen können sich in der Isolation noch verstärken. Vermeidung – wie etwa das Vermeiden von öffentlichen Verkehrsmitteln – fördert oft destruktive Muster. Onlineberatungen können eben solche Vermeidungen und damit problematische Strukturen begünstigen.

  4. Über einen längeren Zeitraum per Video entwickelt sich aus dem ersten wichtigen, auch digital möglichen Beziehungsaufbau so etwas wie eine „scheinbare Nähe“. Bleibt die Beziehung digital, so kann daraus keine reale Nähe entstehen. Die digitale Situation schafft also quasi so etwas wie „Nähe hinter der Glasscheibe“ und erzeugt damit eine falsche Beziehungsrealität.

  5. Bei den Schwächen der Online-Videoberatung ist vor allem deutlich auf das Thema der Verschwiegenheit hinzuweisen. Während Berater*innen in der eigenen Praxis dafür sorgen können und müssen, dass Fenster geschlossen sind und ein der Schweigepflicht entsprechender Rahmen gegeben ist, kann man dieser Verantwortung als Berater*in online nur auf einer Seite nachkommen. Inwiefern das Gespräch wirklich ungestört und vertraulich bleibt, wenn beispielsweise die Kinder der Klient*innen im Nebenraum spielen oder wenn Partner*innen mit Babyphones der digitalen Beratungseinheit lauschen, kann seitens der Berater*innen nicht nachvollzogen werden. Ein Teil der eigentlichen Schweigepflichtsverantwortung liegt digital damit zumindest in einer Art Graubereich.

Silvia Podlisca

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