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On- vs. Offline – Was der Onlineraum (nicht) kann.

Foto On- vs. Offline – Was der Onlineraum (nicht) kann.

Der August ist da und damit rückt auch der Herbst ein Stück näher. Der Sommer hat uns eine wohlverdiente COVID-19-Pause gebracht und wir hoffen, dass auch die bevorstehenden kühleren Monate kein Wiederaufleben der Pandemie mit sich bringen. Denn die letzten eineinhalb Jahre waren turbulent genug, haben unseren Alltag über Wochen hinweg auf den Kopf gestellt und auch die Arbeitswelt revolutioniert. Kurse, Workshops und Meetings wurden von heute auf morgen in den Onlineraum verlegt. Nun ja, COVID-19 ist abgeflacht. Aber was bleibt? Gehen wir gänzlich zurück in den Offlineraum oder bleibt auch das Onlinesetting bestehen? Was können die beiden Formate, was können diese nicht? Diesen und weiteren Fragen widmen wir uns im aktuellen Blog.

Im Rückblick: Wir haben vieles gelernt.

Vor der Pandemie galt Österreich im europäischen Vergleich nicht als Vorreiter der Digitalisierung. Homeoffice war mehr Ausnahme als gängiges Arbeitsmodell, Kurse fanden primär im klassischen Präsenzformat statt und Distance-Learning war tendenziell eine Seltenheit im Schulsystem. Aber dann kam COVID-19 und damit eine gänzlich andere Arbeits- und Bildungswelt. Um einen kompletten Stillstand zu vermeiden, wurde in Unternehmen und Ausbildungsinstitutionen in Kürze umgeplant, restrukturiert und neu gedacht. Erstaunlich, was in kurzer Zeit geleistet, gestaltet und damit ermöglicht wurde. Überrascht, dass wir diesen turbulenten Zeiten auch Gutes abgewinnen können? Wie alles im Leben, hat auch eine Pandemie zwei Seiten und es kommt stets auf die Perspektive an. Trotz der zweifelsohne vielen negativen Auswirkungen und der psychosozialen Belastungen können wir aus der Zeit viel lernen, insbesondere was den Umgang mit Onlinemedien und Onlineformaten betrifft.

Erfolgsfaktoren im Onlineraum: Respekt und Wertschätzung.

Damit Beratungen, Kurse und andere Formate im Onlineraum funktionieren braucht es Spielregeln. Wenn etwa Referent*innen während eines Workshops auf lauter schwarze Bildschirme treffen, weil die Teilnehmer*innen ihre Kameras ausgeschalten haben, gleicht das einem „Geisterkurs“. Für beide Seiten schade. Den Referent*innen fehlt das Gegenüber in der Kommunikation und die Teilnehmer*innen werden am Ende des Tages weniger mitnehmen. Letztlich ist es eine Frage des Respekts und der Wertschätzung. Keiner würde sich in einem klassischen Präsenzkurs das Gesicht verdecken und sich unkenntlich zeigen. Kommunikation ist ein sozialer Prozess, der zwischen zwei oder mehr Parteien stattfindet sowie Aktion und Reaktion von beiden Seiten erfordert. Daran ändert auch der digitale Raum nichts. Aber wie können wir als Kolleg*innen, Vortragende und Nutzer*innen von Onlinemedien damit umgehen? Ganz einfach. Wir können Spielregeln aufstellen und ein gewisses Maß an Anteilnahme, Involvierung und Wertschätzung einfordern. Ganz gleich, ob gegenüber Kolleg*innen, Kund*innen oder Schüler*innen.

Always online: Neue ethische Fragen.

Dass wir Spielregeln für Onlineräume brauchen, liegt auf der Hand. Denn hier sind wir einfach weniger erfahren und Tatsache ist, dass digitale Formate auch in Zukunft zentrale Bestandteile unseres Lebens sein werden. „Neue Formate“ bringen viele neue ethische Fragen. Was ist OK im digitalen Raum? Was nicht? Darf ich als Mutter in einem Onlinemeeting mein Baby stillen? Macht es meinen Studienkolleg*innen etwas aus, wenn meine Freundin im Bikini durch das Bild läuft? Kann mein Hund während des Onlinelehrgangs auf meinem Schoß sitzen und ins Mikrofon bellen? Manche mögen denken, diese Beispiele sind überspitzt. Fakt ist aber: Durch den Einzug digitaler Medien und Formate in den privaten Lebensbereich tauchen neue Fragen auf. Wir gewähren Einblicke in unser Privatleben, wie es in Präsenzsettings nicht der Fall ist. Nun ist die Frage, wie wir damit umgehen und hier gilt es in Zukunft noch viel zu lernen.

Anonymität im Onlinesetting: Licht und Schatten.

Als Arbeitsplatz und Ausbildungsraum sind Onlineformate vor allem eines: anonymer. Das hat Vor- und Nachteile. In der psychosozialen Beratung kann die Anonymität beispielsweise Barrieren abbauen. Auf digitalen Plattformen müssen wir nicht zwangsläufig unser Gesicht zeigen, die räumliche Trennung sorgt auch für einen mentalen Abstand und das erleichtert manchen Menschen offen und ehrlich zu reden. Zudem können Beratungsleistungen in den eigenen vier Wänden und generell orts- und zeitunabhängiger in Anspruch genommen werden. Diese höhere Flexibilität kann Menschen in Krisen zugutekommen, wenn sozusagen Berater*innen über den Bildschirm zu ihnen nach Hause kommen. In den Vorteilen liegen gleichzeitig aber auch die Nachteile. Denn Menschen als soziale Wesen brauchen ein gewisses Maß an sozialer Nähe, an physischem Kontakt sowie an realem Zusammensein.

Der Mensch im Mittelpunkt.

In der psychosozialen Beratung, in der Supervision sowie in vielen anderen Berufsfeldern steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, Themen und Vorstellungen im Mittelpunkt. Wir können uns über den Bildschirm sehen und miteinander sprechen, aber gewiss katalysiert ein Onlinesetting bestimmte soziale Aspekte. Gestik, Mimik und Aussagen zwischen den Zeilen sind schwieriger zu lesen. Hinzu kommt, dass soziale Dynamiken im digitalen Räumen anders funktionieren. Nur begrenzt kann eine Diskussion stattfinden, die häufig aber sehr wichtig ist. Am meisten fehlt aber die physische Nähe, die mit Worten, Berührungen und persönlicher Unterstützung viel auslösen und bewirken kann.

Digital-Detox.

Die zunehmende Verlagerung in Onlinesettings stellt aber auch aus einer anderen Perspektive ein Spannungsfeld dar. Denn Krisen, Ängste und Selbstzweifel werden durch digitale Plattformen, soziale Netzwerk und den intensiven Konsum von Onlinemedien häufig verstärkt. Kein Wunder, denn die Digitalisierung beschleunigt unser ohnehin schnelles Leben noch weiter. Wir klicken, liken und kommentieren. Wir scrollen, tippen und teilen. Und das nonstop. Wir sind ständig erreichbar und immer online. Was uns dabei häufig nicht auffällt ist, dass die konstante Verfügbarkeit Stress, Druck und Belastung erzeugt. Es wird in einer digitalen Welt immer schwieriger Abstand zu gewinnen und eine Auszeit zu haben. Genau diesen Abstand und diese Auszeit braucht aber jeder, um zu sich zu kommen, zu reflektieren und aufzutanken. Umso wichtiger, dass bestimmte Lebensbereiche offline bleiben. Gerade in den Bereichen Selbsterfahrung, Beratung und Weiterbildung sind ein gewisses Maß an Reflexion, Ruhe und Abstandgewinnen zentrale Komponenten, die offline besser unterstützt werden können.

Das Beste aus beiden Welten.

Die Frage, ob ein digitales ein reales Setting ersetzen oder ergänzen kann, hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. Schulungen, Workshops und Meetings lassen sich beispielsweise leichter in den Onlineraum verlagern, während Aufstellungen im Präsenzsetting stattfinden sollten. Insgesamt resümieren wir, dass es ohne direktem Face-to-Face-Austausch nicht geht. Zu wichtig ist ein Setting, in dem sich Menschen gegenübersitzen, physisch zusammen sind und an Ort und Stelle gemeinsam etwas erarbeiten. Zu wichtig ist, sich direkt in die Augen zu schauen und tatsächlich anwesend zu sein. Das ist es, was der Onlineraum nicht leisten kann. Nichtsdestotrotz öffnet er in Beratung, Ausbildung und Arbeitswelt neue Türen, die klassische Settings ergänzen und erweitern können. Das Schöne ist, dass wir aus beiden Welten das Beste nutzen können. Wie so oft gilt: Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch.


Silvia Podlisca

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