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LGBTIQ* und Selbstfindung: Viel geschafft, vieles noch zu tun

Foto LGBTIQ* und Selbstfindung: Viel geschafft, vieles noch zu tun

Der Juli hat den Juni abgelöst und damit das Pride Monat beendet. Der Höhepunkt des Pride Monats war die 25. Regenbogenparade, bei der Tausende im Zeichen der Toleranz, Diversität und Gleichberechtigung über den Wiener Ring spazierten. „Nicht mehr notwendig“ - Sagen die einen. „Braucht es noch immer“ – Sagen die anderen.

In unserem Blog widmen wir uns der Selbstfindung von LGBTIQ* Menschen, also aller, die sich nicht als heterosexuell definieren, sondern als lesbisch, schwul (gay), bisexuell, transsexuell, intersexuell oder queer.

Wir stellen uns die Frage, warum es Sichtbarkeit braucht und was die psychosoziale Beratung damit zu tun hat.

Der Mensch als Teil eines Systems.

Als Menschen sind wir Teil eines Systems. Im Prinzip besteht unser ganzes Leben aus unterschiedlichen Systemen. Wir werden in eine Familie mit bestimmter Erziehung, Werten und Weltanschauungen hineingeboren. Wir kommen in die Schule und später in den Beruf, wo wir ebenfalls wieder mit Systemen konfrontiert sind und uns in diese einfügen. Und wir sind Teil unserer Gesellschaft, die uns ebenso auf bewusste und unbewusste Weise bestimmte Richtungen vorgibt. Warum aber reden wir über Systeme? Ganz einfach, weil wir als Teil dieser angenommen und akzeptiert werden wollen. Auch, wenn uns das nicht immer bewusst und gewiss jeder individuell ist, sind Anerkennung, Annahme und Zugehörigkeit menschliche Urbedürfnisse, die ganz tief in uns verankert sind. Wenn wir nun merken, dass wir nicht der Norm eines Systems entsprechen, aber dennoch (zwangsläufig) Teil davon sind, geraten wir häufig in einen Konflikt.

Der Konflikt innerer Bedürfnisse und äußerer Einflüsse.

Unsere Gesellschaft hat in den letzten Jahren in Sachen Toleranz, Vielfalt und Diversität dazugelernt. Nichtsdestotrotz dominiert die heteronormative Lebensweise. Sie dominiert in der Erziehung und Bildung, in der Werbung und im gesamten Gesellschaftsbild. Damit sich Menschen selbst finden und lieben können, brauchen sie unter anderem Vorbilder. Nicht im Sinne von Idolen, aber im Sinne von Menschen, in denen sie sich, ihre Bedürfnisse und Verhaltensweisen wiedersehen. Menschen, die ihnen vorleben und demonstrieren, es ist in Ordnung so zu leben. Auch, wenn es nicht der breiten Masse entspricht. Menschen von nebenan und keine Netflix-Seriencharaktere, Popstars oder Influencer. LGBTIQ*-Prominente sind wichtig für die Sichtbarkeit, keine Frage. Aber hinsichtlich der Selbstfindung braucht es greifbare Vorbilder, denen wir im realen Leben und nicht nur über Medien begegnen. Und genau das fehlt auch im Jahr 2021 noch vielen Mitgliedern der LGBTIQ*-Community. Denn bis 1992 galt Homosexualität laut Weltgesundheitsorganisation als Krankheit, weshalb die Anzahl der Geouteten in älteren Jahrgängen tendenziell geringer ist. Die Folge: Den Jungen fehlt das Vorleben im Familien- und Freundeskreis, auf der Straße und in anderen Lebensbereichen. Das erschwert die Selbstfindung und führt zu einem Konflikt zwischen dem, was wir im Inneren spüren, und dem, was die Außenwelt von uns erwartet. Wir möchten uns selbst finden, haben aber Angst alleine zu sein und nicht angenommen zu werden.

Selbstfindung – Nicht immer einfach.

Selbstfindung besteht aus zwei Wörtern: Selbst und finden. Es bedeutet, uns selbst kennenzulernen, uns zu verwirklichen und uns zu akzeptieren. Was der Begriff zumindest rein sprachlich nicht inkludiert, ist der äußere Einfluss, der aber bei der Selbstfindung auch eine Rolle spielt. Denn, was bringt es uns, wenn wir uns selbst gefunden haben, in der Gesellschaft aber nicht akzeptiert werden und uns ungerecht behandelt fühlen. Genauso empfinden viele LGBTIQ*-Menschen. Sie haben nicht grundsätzlich ein Problem oder Angst vor ihrer Sexualität, aber verstaubte Werte, überholte Traditionen und gesellschaftliche Bedenken gegenüber „Neuem“ führen zu Problemen, die dann wiederum dem Selbstwert schaden können. Wenn sich jemand etwa vor seiner Familie outet und die Eltern reagieren schockiert, dann macht das etwas mit dem Menschen und seinem Selbstwert. Ähnlich verhält sich mit jüngsten Ereignissen im Weltgeschehen. Erst im Juni hat Ungarn verkündet neue Anti-LGBTIQ*-Gesetze zu erlassen und im Fußball wird über die Regenbogenflagge als politisches Statement gestritten. Es mögen kleine Ereignisse in einem großen Ganzen sein, aber gewiss fördern sie nicht die Selbstfindung und damit ein freies Leben von LGBTIQ*-Menschen.

Warum Selbstfindung trotzdem beim Individuum beginnt.

Fakt ist aber auch, dass wir über Jahrzehnte und Jahrhunderte aufgebaute Gesellschaftsstrukturen, Wertesysteme und Denkmuster nicht von heute auf morgen ändern können. Was wir aber ändern können, ist unsere Einstellung, weshalb der Weg der Selbstfindung immer bei einem selbst beginnt. Wer zu sich, seinen Bedürfnissen und seiner Lebensweise steht, auch wenn diese nicht der breiten Masse entsprechen, kann anderen viel lehren. Und letztlich ein Vorbild für andere sein. Wenn wir den Mut haben wir selbst zu sein, dann haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Kraft uns Konfrontationen und Diskussionen zu stellen, die wesentlich für den individuellen und kollektiven Fortschritt sind. Wer auf der Reise der Selbstfindung Schwierigkeiten hat, sollte nicht zögern Hilfe anzunehmen. Ausgebildete Lebensberater*innen können beispielsweise eine Stütze sein und Menschen dabei begleiten ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und auszuleben. Wer nämlich auf Dauer seine Identität unterdrückt und sein Leben nach den Vorstellungen anderer ausrichtet, wird nicht glücklich. In einem professionellen Setting wird bewusster Raum für die Selbstfindung und Lebensplanung geschaffen. Dadurch kann ein Veränderungsprozess in Gang gesetzt und der Weg zu uns selbst begangen werden. Durch gezielte Fragen, Gespräche und Aufstellungen können das Bewusstsein für sich selbst sowie der Selbstwert gestärkt werden.

Ein Zeichen für Offenheit und Toleranz.

Veranstaltungen, wie die Regenbogenparade, sind wichtig. Auch, wenn sich vieles zum Guten verändert hat und wir uns in einem Prozess befinden, bleibt noch vieles zu tun. Sichtbarkeit, Präsenz und Sensibilisierung - Alleine deswegen erfüllt die Regenbogenparade noch immer einen wichtigen Zweck. Jedes Event, welches für Offenheit und Toleranz ein Zeichen setzt, ist wertvoll und nie ein Fehler. Denn letztlich betreffen Selbstfindung und gesellschaftliche Normen, welche diese erschweren, alle. Es betrifft Frauen, die Männern noch immer nicht in sämtlichen Lebensbereichen gleichgestellt sind. Es betrifft Männer, die sich im traditionellen Ernährer- und Vaterklischee nicht wiederfinden. Es betrifft Menschen mit Beeinträchtigungen, deren Kampf für Gleichberechtigung noch nicht beendet ist. Umso mehr Menschen sich die Zeit nehmen, um an sich selbst zu arbeiten, sich selbst kennenzulernen und sich systematisch mit ihren Themen auseinandersetzen, desto mehr können wir voneinander lernen und so toleranter gegenüber einander sein. Ganz gleich, welche sexuelle Orientierung, welches Geschlecht oder welche Lebensform, im Endeffekt müssen wir jeden ermutigen seinen eigenen Weg zu gehen. Nur so können wir glücklich leben und uns selbst treu bleiben.


Silvia Podlisca
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