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Epigenetik: Wie unsere Zellen den Schmerz vergangener Generationen speichern

Foto Epigenetik: Wie unsere Zellen den Schmerz vergangener Generationen speichern

Haben Sie schon einmal etwas von der Epigenetik gehört? Es handelt sich dabei um einen bestimmten Forschungszweig der Biologie, der sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, inwieweit bestimmte Erfahrungen die DNA der nachfolgenden Generationen beeinflussen.

Besonders für psychologische Berater*innen, die auf systemische Familienaufstellungen spezialisiert sind, ist dieses Wissenschaftsgebiet von zentralem Interesse. Denn dank neuester technischer Verfahren und zunehmender Untersuchungen sowie Studien zum Thema kann nun endlich auch biologisch nachgewiesen werden, was in der psychologischen Arbeit mit der Methode der Familienaufstellung seit Jahrzehnten spür- und erlebbar ist:

Und zwar das Phänomen, dass nicht nur körperliche Merkmale, Krankheitsrisiken und Eigenschaften von einer Generation an die nächste weitervererbt werden können, sondern dass sich auch besonders traumatische oder einschneidende Erlebnisse in unserem Erbgut festsetzten.

Dynamiken aus der systemischen Arbeit

Oft hört man in der Arbeit mit Klient*innen Aussagen wie „Ich trage eine schwere Last, aber ich weiß nicht, welche“ oder „Ich fühle einen so tiefen Schmerz, aber habe eigentlich keinen Grund dazu“. Die Erfahrung in der psychologischen Beratung und anderen psychosozialen Berufen zeigt dabei, dass gewisse Schicksale, emotionale Ausnahmesituationen oder körperlich sowie psychisch schmerzhafte Erfahrungen in den nachfolgenden Generationen weiter wirken. In der klassisch systemisch-kollektiven Betrachtungsweise nach Bert Hellinger spricht man in solchen Fällen von sogenannten Dynamiken auf der Seelenebene, wie „Identifizierung“, „Nachfolge“ oder „Übernahme“. Doch Forschungen zeigen, dass eben jene Bewegungen nicht ausschließlich auf psychischer Ebene spürbar sind, sondern – auf andere Art und Weise – tatsächlich biologisch in unserem Erbgut nachgewiesen werden könnten.

Besonderen Eindruck macht hier eine Untersuchung an mehreren Mäusegenerationen: Forscher aus Georgia fügten einer Reihe von Mäusen schmerzhafte Elektroschocks zu, wenn sie Acetophenon zu riechen bekamen. Die Mäuse lernten diesen Zusammenhang und zuckten bei dem Geruch irgendwann auch ohne schmerzhaften Reiz zusammen – ein Phänomen, das in dieser Art seit dem berühmten Experiment namens „Pawlow’scher Hund“ als klassische Konditionierung bekannt ist. Doch die Wissenschafter der Emory University School of Medicine konnten noch weiteres Erstaunliches beobachten: Die Nachfahren dieser Mäuse zeigten eine ähnliche Form des Zusammenzuckens, obwohl sie die Konditionierung nie erfahren haben. Und selbst die Enkelgeneration der konditionierten Mäuse zeigte noch andere Reaktionen beim Acetophenon-Geruch als Mäuse, die Vorfahren hatten, welche nie mit Acetophenon in Verbindung mit Elektroschocks in Berührung gekommen waren.

Auch bei Menschen prägen sich Erfahrungen ins Erbgut

Doch was an Mäusen feststellbar ist, konnte mittlerweile auch bei uns Menschen biologisch entschlüsselt werden: Erfahrungen schreiben sich in das menschliche Erbgut. So konnte von Forschern festgestellt werden, dass es etwa noch in der Enkelgeneration zu Gen-Modifikationen führen kann, wenn eine Frau in der Schwangerschaft Gewalterfahrungen machen muss. Erlebnisse, Erfahrungen und Traumata können also auf eine bestimmte Art und Weise vererbt werden. Was seit jeher die Haltung in Familienaufstellung begleitet, ist damit biologisch greifbar. Und es zeigt ein weiteres Mal eindrucksvoll, warum einzelne oder kollektive Schicksale in vorangegangenen Generationen in einem seriösen und nachhaltigen Beratungsprozess immer wieder zu einem zentralen Element werden können.

Frühkindlicher Stress epigenetisch sichtbar

Die Epigenetik bietet aber nicht nur Einblicke in die Entschlüsselung generationenübergreifender Problemthemen, sondern zeigt auch anschaulich, warum in der psychologischen Beratung häufig die Bearbeitung sehr früher Erlebnisse zum Teil der Lösungskompetenz im Hier und Jetzt wird. Im Zuge der epigenetischen Forschung konnte nachgewiesen werden, dass das Gehirn aufgrund der Anlagerung chemischer Markierungen auf ein Depressionsrisiko programmiert wird, wenn ein Kind schon in frühestem Alter Stress ausgesetzt ist. Der frühkindliche Stress ist demnach auch als Spur in unseren Genen sichtbar.

Lebenslanges Lernen – für sich selbst und für die Nachkommen

Abgesehen von den epigenetischen Untersuchungen zu Themen, die für die Arbeit mit Klient*innen wesentlich sind, bietet das spannende biologische Forschungsfeld auch gute Gründe, um sich zum lebenslangen Lernen zu motivieren. Die Epigenetik schließt quasi den Kreis des IFGE: von der psychologischen Beratungseinrichtung zum erfolgreich expandierenden Ausbildungsinstitut. Denn viele Menschen spüren einfach, wie gut es ihnen tut, gefordert und gefördert zu werden, während sie qualitative Inhalte lernen und neue Aus- sowie Fortbildungen beginnen. Und abgesehen davon, dass sich körperliche und geistige Aktivitäten in Form von Lernfähigkeit laut Epigenetik ebenso auf die Lernfähigkeit der Nachkommen auswirkt, tut es natürlich auch dem eigenen Gehirn gut, wissenstechnisch konstant aktiv zu bleiben.

Das sei außerdem die beste Prävention gegen das Nachlassen der geistigen Fähigkeiten im Alter, sagt Prof. Dr. Ernst Pöppel in einem Interview mit dem Focus. Der Professor für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München erklärte in diesem Gespräch unter anderem, dass das Gehirn wie ein Muskel sei und es eben diesen Muskel zu trainieren gelte, wenn man die beste Vorsorge und Therapie gegen das Nachlassen der geistigen Fähigkeiten betreiben wolle. Lebenslanges Lernen könne ein Schlüssel für geistige Agilität bis ins hohe Alter sein: „Positiv wirkt, immer wieder etwas Neues zu beginnen. Negativ ist, wie festgenagelt zu sein an die Dinge, die man immer schon getan hat“, so der deutsche Psychologe im Focus Interview.

Literatur und Quellen


Silvia Podlisca
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