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Warum „Freestyle“ nichts mit authentischer Prozessbegleitung zu tun hat

Foto Warum „Freestyle“ nichts mit authentischer Prozessbegleitung zu tun hat

Wer im psychosozialen Bereich arbeitet oder gerade in einer Ausbildung für einen Sozialberuf ist, der kommt um den Namen Carl Rogers kaum umhin. Er ist der Entwickler der Personenzentrierten Psychotherapie und Begründer einer zu diesem Zeitpunkt neuen Art von authentischer Herangehensweise im Therapie- oder Beratungsprozess. Sein Ansatz wird heute gelegentlich missverstanden. Wir klären auf, was mit „Im Zweifelsfall authentisch“ gemeint ist.

Die psychologische Beratung bedient sich unterschiedlicher Methoden aus den vier verschiedenen Grundorientierung der in Österreich anerkannten Therapieansätze. Dazu gehören die tiefenpsychologisch‐psychodynamische, die humanistisch‐existenzielle, die systemische und die verhaltenstherapeutische Orientierung. Unter die humanistische Orientierung fällt die Person(en)zentrierte bzw. auch Klientenzentrierte Methode, die der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers entwickelt hat und die neben der systemischen Familienaufstellung als Schwerpunkt am IFGE unterrichtet wird. Rogers begründete damit einen zu seiner Zeit in der Therapie und Beratung neuen Ansatz, der dem humanistischen Leitgedanken „Ich bin ok – du bist ok“ folgt. Dabei geht es darum, dass der Mensch sein gesamtes Potenzial und seine Ressourcen durch die Begegnung von Mensch zu Mensch entfalten kann und dass die Klient*innen selbst die Expert*innen für die Gestaltung ihres Lebens sind. Dieser damals durch Rogers erst aufkeimende Grundgedanke prägt heute die Grundhaltung der meisten professionellen Berater*innen und Berater – unabhängig von der Methode, auf die sie spezialisiert sind.

Mit seiner Methode legte Rogers den besonderen Fokus auf die Beziehung zwischen Klient*in und Berater*in, die aus seiner Sicht nur dann wachsen kann, wenn Berater*innen ihren Klient*innen kongruent – also authentisch – begegnen. Ein wichtiger Grundpfeiler des Personenzentrierten Ansatzes nach Rogers ist damit neben der beraterischen Wertfreiheit und der Empathie die Authentizität, die sich auch in seinem wohl bekanntesten Ausspruch „Im Zweifelsfall authentisch“ widerspiegelt. Was meint dieses „Im Zweifelsfall authentisch“ aber nun genau für Berater*innen? Gerade diese Authentizität wir häufig von Schüler*innen, angehenden Berater*innen und selbst von manch erfahrenen Berater*innen und Therapeuten*innen missverstanden. Daher widmen wir uns heute dem authentischen Beratungsansatz einmal ausführlicher

Persönliche Note als Signatur unter fachlicher Korrektheit

Erst kürzlich hat eine meiner Schüler*innen wundervoll auf den Punkt gebracht, was Authentizität in der Beratung tatsächlich meint und was wir im Anschluss auch etwas näher beleuchten werden: „Wenn die fachliche Korrektheit gegeben ist, ist die Authentizität die Signatur, die so unter die professionelle Arbeit gesetzt wird, dass es persönlich werden kann.“ Eine persönliche Note kann in einem professionellen Beratungsgespräch also nur unter fachlich korrekte Rahmenbedingungen gelegt werden. Umgekehrt funktioniert das leider nicht: Die persönliche Note darf nicht für sich alleine stehen. Sonst würde es sich um einen gemütlichen privaten Kaffeeplausch handeln, aber ganz sichern nicht um einen professionellen Beratungsprozess.

Wenngleich die Henne-Ei-Frage in vielen Bereichen des Lebens wenig Sinn ergibt, ist sie aus fachlicher Sicht im Bereich der Personenzentrierten Beratung unerlässlich: Was war zuerst da – die Authentizität oder die fachliche Qualifikation? Im Sinne des Wohles der Klient*innen kann die eindeutige Antwort hier immer nur heißen: Unter allen Umständen die fachliche Qualifikation! Gerade deshalb legen wir am IFGE so unvergleichlich viel Wert auf die fachliche Korrektheit dessen, was sich Schüler*innen bei uns aneignen. Die gelebte Devise am IFGE lautet: „Authentisch, aber bitte fachlich korrekt!“

Individuelle Ermutigung zur Festigung von Fachwissen

Gerade deshalb lassen meine Referent*innen und ich in Übungskontexten ein „Ja aber das war authentisch“ als Begründung für fachlich inkorrekte Interventionen niemals zu. Das ist mit ein Grund, warum viele Schüler*innen gerade das IFGE als Ausbildungsträger für die Berufsausbildung zur diplomierten Lebens- und Sozialberatung wählen, denn das fachlich sehr hohe Niveau wird bei uns groß geschrieben. Wir ermutigen und unterstützen alle unsere Kursteilnehmer*innen dabei, sich Expert*innenwissen anzueignen, Fachwissen aufzubauen, Interventionen kompetent anzuwenden und beispielsweise auch sogenannte systemische Lösungssätze in ihrer Gesamtheit korrekt anzuwenden. Denn es gibt bestimmte Bereiche in einem professionellen Beratungskontext, die keine Abwandlungen oder auch keine „Freestyle“-Anwendung zulassen. Zumindest dann nicht, wenn Berater*innen das Wohl der Klient*innen im Blick haben. Das wäre völlig missverstandene Authentizität.

Für den kompetenten Einsatz von „Limited Information“, zieldienlichen Interventionen und Produktinformationen braucht es schlicht gefestigtes Fachwissen auf hohem Niveau. Dafür reicht es leider nicht, ein spannendes Fachbuch zu lesen. Eine gute Ausbildung ermöglicht dies jedoch sehr wohl und dafür setzen wir uns am IFGE seit jeher engagiert ein. Daher ergibt es auch keinen Sinn, Kompromisse bei der Beratungsqualität einzugehen, mit der die Absolvent*innen des IFGE in die freie Praxis entlassen werden. Die gute Nachricht für alle, denen dieser Ansatz jetzt womöglich etwas streng erscheint, ist die folgende: Dieser kompromisslose Fokus auch fachliche Kompetenz bedeutet nicht nur die Gewährleistung des Wohles der Klient*innen, sondern schafft vor allem eines: echte, authentische Sicherheit, die Berater*innen in ihrem Tun mit realen Klient*innen erleben. Gleichzeitig ist es die wichtigste Voraussetzung dafür, langfristig in der eigenen Praxis erfolgreich zu sein, da die Klient*innen diese fachliche Expertise bewusst sowie unbewusst wahrnehmen und dadurch bei den entsprechenden Berater*innen einen Prozess beginnen, anstatt sich nach dem Erstgespräch auf die Suche nach anderen Möglichkeiten zu begeben.

Authentizität und Fachwissen fördern

Erst diese fachliche innere Sicherheit, die angehende Berater*innen bei uns entwickeln, sorgt letztlich dafür, dass in der freien Praxis prozessdienliche Authentizität möglich ist. Diese authentische Note fördern wir bei allen unseren Schüler*innen individuell genauso wie ihr breites Fachwissen. Denn sie schließt sich mit Expertise keineswegs aus, wenn wir uns jetzt anschauen, was Carl Rogers mit Authentizität tatsächlich gemeint hat, um den Bogen zu schließen: Rogers meint, dass sich Berater*innen im Beratungskontext als Mensch mit Gefühlen, Emotionen und Wahrnehmungen verstehen dürfen, die keineswegs schlicht aufgrund ihrer Profession über den Klient*innen stehen oder es besser wüssten. Authentisch heißt dabei also nicht, dass wir die Füße auf den Tisch legen, weil uns grade danach ist oder dass wir herzzerreißend mit den Klient*innen mitschluchzen, nur weil uns authentisch gerade nach weinen zu Mute wäre. Dann käme es ganz schnell zu einer sogenannten „Rollenumkehr“, in der Klient*innen plötzlich das Gefühl entwickeln, auf Berater*innen Rücksicht und nach deren emotionalen Werten agieren zu müssen.

In solchen Fällen könnte die zur Schaustellung der missverstandenen Authentizität auch die Funktion einer versteckten Lösungsvorgabe haben. Stattdessen können wir aber durch authentisches Spüren der Emotionen zurückmelden, was wir wahrnehmen. So ist es uns möglich, uns als emphatische Begleiter*innen zu zeigen, ohne Ratschläge zu erteilen und können damit als Berater*innen die Klient*innen gleichzeitig wieder achtsam an ihre eigenen Wahrnehmungen heranführen. Das gelingt etwa durch ein authentisches „Sie sehen meine Berührung, wenn Sie mir das erzählen. Wie geht es Ihnen, wenn Sie darüber sprechen?“. Wenn wir dabei also ganz bei unserem Gegenüber bleiben (anstatt bei unserem eigenen Bedürfnis, zu weinen), kann diese Authentizität ein wertvoller Teil der entstehenden und für den Prozess so wichtigen Beziehung zwischen Klient*in und Berater *in sein.

Authentische Beratung heißt, dass wir uns als Berater*innen menschlich sowie empathisch verhalten dürfen und nach Rogers vor allem keine Rollen spielen, hierarchische Vorstellungen von uns selbst kreieren oder uns hinter Floskeln verstecken sollen. Würden wir ohne gefestigtes, abrufbares und jederzeit einsetzbares Fachwissen an die Beratung herangehen, würden wir die Rolle des professionellen Beraters oder der professionellen Beraterin jedoch nur spielen. Und das wäre wiederum was? Genau – nicht authentisch!


Silvia Podlisca
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