Lebenslanges Lernen – Heute ist früh genug

„Lebenslanges Lernen“ – dieser Begriff fasst seit einigen Jahrzehnten verschiedenste Konzepte der Erwachsenenbildung zusammen. Auf die unterschiedlichen theoretischen Ausführungen dieser beiden Worte ist an anderer Stelle bereits zur Genüge eingegangen worden. Ich möchte mich hier stattdessen im Besonderen mit der praktischen Seite des lebenslangen Lernens auseinandersetzen. Was in der Theorie den meisten klar ist, nämlich dass wir Menschen ein Leben lang lernen, sieht in der gedanklichen Praxis oftmals anders aus. Ab einem gewissen Alter scheint nämlich ein Glaubenssatz an Bedeutung zu gewinnen: „Na jetzt brauch' ich auch nicht mehr damit anfangen.“ Und genau darauf möchte ich heute eingehen. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass es niemals zu spät ist, mit Dingen zu beginnen, die das eigene Leben bereichern. Und trotzdem – gerade in der Generation 45 Plus höre ich sowohl als psychologische Beraterin und Supervisorin als auch in meiner Funktion als Erwachsenentrainerin eine Sorge immer wieder: „Ich brauche zum Lernen heute viel länger als früher. Ich kann mir das doch gar nicht alles merken.“ Diese destruktiven Glaubenssätze haben nicht erst einen Menschen daran gehindert, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen – ganz gleich ob es sich um das Verinnerlichen einer neuen Sprache, das Erlernen lateinamerikanischer Tänze oder gar um einen neuen Beruf handelt. Und dabei gibt es absolut keinen Grund, an diesem Glaubenssatz festzuhalten. 

 

Mit Neuem kann man jederzeit beginnen

Denn eine Studie, die 2008 im „Journal of Neuroscience“* veröffentlicht wurde, zeigt deutlich, dass Lernen absolut keine Frage des Alters ist. Im Zuge der Untersuchungen sollten Frauen und Männer im Alter von 50 bis 67 Jahren das Jonglieren erlernen. Und siehe da: Alle TeilnehmerInnen – auch die ältesten – konnten letztlich mit der Kunst des Jonglierens glänzen. Auch wenn sie für das Kunststück etwas länger brauchten als jüngere Menschen, zeigt dieses Experiment eindeutig: Wer etwas Neues lernen möchte, kann jederzeit damit beginnen. Und wird durchaus Erfolg damit haben, wenn er oder sie dabei selbst an sich glaubt.

Erfolg haben, das kann man auch – oder vor allem – im zweiten Bildungsweg. Nach meinen Informationsabenden zur Berufsausbildung „Psychologische Beratung“ werde ich aber gerade von den mitten im Berufsleben stehenden TeilnehmerInnen häufig gefragt: „Schafft man das? Der eigentlichen Arbeit nachgehen, den Haushalt schupfen, die Kinder betreuen und dann noch einen neuen Beruf erlernen?“

 

Meine Antwort ist hier immer: Ja! Denn wer seine Berufung zum Beruf macht, der wird mit einer solch spielerischen Freude lernen, dass es ihm als solches vielleicht erst dann auffallen wird, wenn sich in den späteren Semestern verschiedene Wissens-Puzzelteile nach und nach wie von selbst zu fundiertem Fachwissen zusammen setzen. Oft ist es schlicht das Wort „Lernen“, welches viele daran hindert, bewusst das zu machen, was wir unbewusst ohnehin tagtäglich tun – und zwar unabhängig vom Lebensalter: Wir erobern täglich neues Terrain – sei es die Erfahrung, die wir gewinnen, das Wissen, das wir zusätzlich erwerben oder auch die Gelassenheit, die mit jedem Jahr zu wachsen scheint und mit der wir noch spielerischer lernen.

 

Also ganz gleich, was Sie lernen wollen: Ihr Alter ist kein Hindernis, sondern ermöglicht Ihnen durch Erfahrung vielleicht die spannendste Lernerfahrung Ihres bisherigen Lebens. Probieren Sie es doch einfach aus: Ob es dabei um die richtige Schwimmtechnik geht, weil Sie mit über 40 nun den Entschluss gefasst haben, eine Karriere als Triathletin zu beginnen, ob es sich um das Wiederholen von Vokabeln handelt, weil Sie immer schon Italienisch beherrschen wollten, oder ob Sie mit einer psychologischen Praxis nun doch Ihre persönliche Berufung zum Beruf machen wollen – es ist nie zu spät, damit zu beginnen. Heute ist früh genug!

 

*  Quelle: https://www.dasgehirn.info/grundlagen/das-gehirn-im-alter/weise-greise