Kinderlose Frauen

Rollenbilder prägen unser Alltagsleben. Der Mann als Bauarbeiter, Mechaniker und Ernährer der Familie. Die Frau als in Teilzeit arbeitende Mutter, Hausfrau und Köchin. Was macht es mit uns, wenn sich jemand diesen Rollen widersetzt, diese freiwillig oder unfreiwillig nicht erfüllen möchte?

Die innere Uhr

Als Frau trägt man den Wunsch nach einem Kind in sich, davon geht die Gesellschaft aus. Je nach Frau und Alter, wird der Kinderwunsch immer größer, die ‚innere Uhr‘ tickt im Laufe der Jahre zunehmend lauter. Findet dieser vermeintlich biologische Prozess nicht statt, macht sich ‚Frau‘ verdächtig: ‚Karrierefrau‘, ‚egoistisch‘ und ‚kaltherzig‘ sind Begriffe, mit welchen sich die Frauen auseinandersetzen müssen. Spätestens im Alter wird mit der Einsamkeit das Versäumnis der Mutterschaft schon schmerzhaft bewusst werden, heißt es dann.

 

Studie ‚Ohne Kinder im Alter‘

Die Salzburger Gerontologin Sonja Schiff hat eine Studie anhand von qualitativen Interviews mit kinderlosen Frauen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren zum Thema 'Älterwerden ohne Kind' durchgeführt. Dabei fand sie vor allem Unterschiede zwischen gewollt und ungewollt kinderlosen Frauen. ‚Je mehr die Frau selbst die Entscheidung trifft, kinderlos zu sein, umso positiver wirkt sich das auf ihr Leben aus‘, sagt Schiff. Frauen die aus körperlichen oder privaten Gründen ungewollt keine Kinder bekommen konnten, hätten im Alter oftmals eine ‚unglaubliche Wehmut und das Gefühl, etwas versäumt zu haben‘, erklärt die Gerontologin die Untersuchungsergebnisse. ‚Den Frauen tut es leid, keine Enkelkinder zu haben, vor allem wenn Freundinnen dann Enkelkinder bekommen. ‘

 

Bewusste Entscheidung

Entscheiden sich Frauen jedoch bewusst dazu, keine Kinder zu bekommen, sind sie im Alter positiver gestimmt. Insgesamt habe die Studie gezeigt, betont Schiff, dass es für ungewollt kinderlose Frauen wichtig sei, irgendwann die Entscheidung für die Kinderlosigkeit zu treffen und das Leben als kinderlose Frau zu begreifen. Es wird geraten, dass die Frau selbst Abschied nehmen soll von einem unerfüllten Kinderwunsch. Frauen, denen diese Entscheidung von einem Arzt abgenommen werde, weil es körperlich nicht möglich ist, Kinder zu bekommen, würden im Alter diesen seelischen Schmerz noch in sich tragen.

Früher war das Paar von gesellschaftlichen Normen her ‚gezwungen‘ zu heiraten, sobald eine Schwangerschaft eintrat, über Verhütung wusste man vor einigen Jahrzehnten noch nicht viel. Durch die Verhütungsmethoden ist man in dieser Frage entscheidungsberechtig geworden und kann auch neue Lebenswege und Lebensmodelle gehen. Es wurde zu einer bewussten Entscheidung, ob die Verhütung abgesetzt wird, weil ein Kind gewünscht ist. 

 

Beweggründe

Immer mehr Frauen entscheiden sich ganz bewusst gegen Nachwuchs, aus verschiedenen Gründen.

Viele der Frauen haben Angst, dass das Leben in einer ‚Kleinfamilie‘ ihr bisheriges Leben und die Freiräume zu sehr einschränkt. Die Bedenken sind, dass das Leben in der Kleinfamilie nicht mehr so selbstbestimmt weitergeführt werden kann. Auch haben sie Angst davor, dass der Haushalt, die Kindererziehung und Kinderbetreuung an der Frau hängenbleiben werden. Zu diesem Druck kommt die Befürchtung hinzu, dass Kinder die Beziehung zum Partner belasten würden, nachdem die Frauen es endlich geschafft haben, diese gleichberechtigt zu gestalten. Die Frauen glauben nicht, dass sich dieser Zustand mit Kindern aufrechterhalten lässt.

 

Kinderlose Männer?

Sarah Diehl wollte für ihr Buch ‚Die Uhr, die nicht tickt‘ ursprünglich auch Männer befragen, warum sie sich für oder gegen Kinder entschieden haben. Doch es fehlte an auskunftsbereiten Männern. Diehl hatte den Eindruck, dass die meisten ‚noch nie tiefergehend über das Thema nachgedacht hatten‘. Männer werden ‚mit ihrer Entscheidung schlicht in Frieden gelassen‘, schreibt Diehl. Denn Kinder oder auch die Frage, ob man welche will, sind ‚Frauensache‘. Es gibt keine Zahlen zu den ‚kinderlosen Männern‘, Studien beschäftigen sich überwiegend mit den ‚kinderlosen Frauen‘.

 

Allumfassendes Projekt Kind

Kinder laufen nicht mehr einfach mit, sondern werden zum Lebensinhalt. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat im letzten Jahr eine Untersuchung zu den Gründen, warum Menschen in Deutschland immer weniger Kinder bekommen, veröffentlicht. Einen der Hauptgründe sieht es in dem überhöhten Mutterideal der Deutschen. ‚Die niedrigeren Geburtenraten gibt es übrigens in allen Ländern mit einer faschistischen Vergangenheit. Forscher vermuten einen Zusammenhang mit dem Mutterbild im Faschismus. Die Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben herausgedrängt, die Mutterrolle wurde überhöht. Das wirkt bis heute.`, so Anja Uhling, Journalistin und Buchautorin.

 
Quellen:

derstandard.at/2000009062103/Freiwillig-kinderlos-Die-Frauen-wollen-nicht-so-leben-wie-ihre

http://derstandard.at/2000011670026/Ohne-Kinder-gluecklich-im-Alter

https://www.welt.de/vermischtes/article120096080/Warum-willst-du-denn-kein-Kind.html

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