"Du bist ja nicht normal."

Ein Satz, den fast jeder schon einmal zu hören bekommen hat, weil er sich anders verhält als der, der den Satz ausgesprochen hat. Muss man sich deshalb als „anormal“ fühlen, als Außenseiter, als Teil einer Randgruppe? Vor allem: Wer legt fest, was normal ist und sind wir (noch immer) genötigt, darauf zu hören?

Wer sich der Norm entsprechend verhält, tut das Richtige und überschreitet keine gemeinhin anerkannten Grenzen – er bewegt sich damit innerhalb eines Rahmens, der Orientierung bietet. Daraus entsteht gesellschaftliche Akzeptanz und damit die Sicherheit, dass nicht mit dem Finger auf einen gezeigt wird, dass man nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommt, dass man Teil eines Ganzen ist, dass man sozial und wirtschaftlich nicht ins Abseits gerät. Allerdings hat normales Verhalten, z. B. in beruflicher Hinsicht, auch seinen Preis. Arbeitgeber etwa erachten es heute als normal, dass ihre Angestellten rund um die Uhr sieben Tage die Woche erreichbar sind, dass Arbeit mit nach Hause genommen und in der Freizeit erledigt wird, und dass Abend- bzw. Wochenendtermine ganz einfach Teil des Jobs sind. Ob es in Hinblick auf die physische und psychische Gesundheit klug ist, dieser Norm des Erfolgsmenschen zu genügen, ist fraglich.

 

Andererseits wird der Wunsch nach Individualität und der Flucht aus der Normalität immer größer. Die Globalisierung der Gesellschaft, das Internet und selbst die klassischen Medien geben uns die Möglichkeit, in andere Lebens- und Erwerbskonzepte, sowie andere kulturelle Gegebenheiten Einblick zu bekommen. Sie erweitern damit die Auffassung von dem, was als normal gelten kann, ganz extrem. Dadurch wird es immer schwieriger, die Frage, wer Normalität definiert bzw. ob Normalität überhaupt noch definierbar ist, zu beantworten. Wo hört normales Leben auf, wo beginnt das Dasein als Außenseiter oder als Teil einer Randgruppe? Konsequenter Weise müsste jeder für sich selbst definieren, was normal ist – unter Berücksichtigung des sozialen oder wirtschaftlichen Rahmens, in dem er sich bewegt, und unter Bedachtnahme auf die Folgen, die ein Verlassen dieses Rahmens – auch mit den besten Absichten und unter Rücksichtnahme auf die Allgemeinheit – nach sich zieht.

 

In Extremfällen steht man sehr schnell außerhalb der Norm. Dies kann gewollt sein – die Punk-Bewegung der 80er Jahre etwa legte explizit Wert darauf, gesellschaftlich nicht anerkannt zu sein – allerdings mit der Konsequenz, wirtschaftlich am unteren Ende der Skala „dahinzuvegetieren“. Andererseits finden Aussteiger, die sich absichtlich außerhalb der Norm stellen, dadurch erst zu einem positiven Lebensbild. Egal, ob mit positiver oder negativer Ausrichtung, das Leben als Außenseiter erfordert eine Menge Selbstbewusstsein und Kraft, da die Anerkennung durch die Allgemeinheit in der Regel fehlt.

 

Dennoch sind Randgruppen, sei es eine mehr oder weniger fragwürdige wie die Punk-Bewegung, die klassischen System-Aussteiger mit individuellem Erfolgskonzept, eine ethnische bzw. religiöse Gruppierung, die Gruppe der Arbeitslosen und der sozial Benachteiligten u.v.m. immens wichtig für die gesamte Gesellschaft. Zum einen definieren sie das, was als gesellschaftliche Mitte wahrgenommen wird, zum anderen zeigen sie nicht nur Missstände auf, sondern sind auch Vorbild für alternative Herangehensweisen und geben Denkanstöße für neue Sichtweisen. Auf jeden Fall nötigen sie „den Normalen“ ein Reflektieren über die Situation und ein höheres Maß an Toleranz ab.

 

Letztlich sollte uns bewusst sein, dass Veränderung oder – positiv ausgedrückt – Entwicklung die einzige echte Norm im Leben ist. Sie macht, dass Normales irgendwann überholt, und schließlich nicht mehr normal ist. Toleranz gegenüber neuen Entwicklungen, anders Denkenden und anders Lebenden – immer unter der Prämisse, dass dieses „Anders sein“ niemandem schadet – führt zu mehr Vielfalt, ohne dass die Harmonie darunter leidet – und das sollte auf jeden Fall die Norm werden.

 

Quellen:

http://www.zeit.de/2013/20/normalitaet-normen-und-grenzen

http://www.emotion.de/de/ina-schmidt/kolumne-normal-6214

 

Weiterführende Links:

http://www.seele-und-gesundheit.de/diagnosen/normalitaet.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Randgruppe

http://www.pressesprecher.com/nachrichten/randgruppen-pr-ein-blick-vom-ende-der-welt-8781

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Kommentare: 2
  • #1

    Susanne Buchner (Mittwoch, 16 Dezember 2015 11:46)

    Ich war viele Jahre lang normal, oder was andere eben als normal für mich erachteten. Vor einiger Zeit wagte ich den Schritt in die, für andere nicht als normal betrachtete, Zukunft und spüre wie mein Horizont sich erweitert, meine Toleranz steigt und mein Selbstwert höher ist.
    Ich gehöre wahrscheinlich nicht zu einer direkten Randgruppe, aber ich gehöre wieder mir selber und das ist doch letztendlich das Wichtigste im Leben!

  • #2

    Silvia Podlisca (Mittwoch, 16 Dezember 2015 11:49)

    Liebe Susanne!

    Sehen wir genau so!!! Gratulation und weiter soviel Mut!

    Schönen Tag, Silvia