Gelebte Gewalt: Taten – Täter – Prävention

527.692. Diese Zahl nennt die in Österreich im Jahr 2014 zur Anzeige gebrachten kriminellen Handlungen. Und obwohl die Zahl noch immer hoch ist, ist positiv zu vermerken, dass dies im Vergleich zu 2013 einen Rückgang von 3,4 % bedeutet. Bei Delikten gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung ist die Zahl der Anzeigen von 2.662 im Jahr 2013 auf 2.418 im Jahr 2014 gesunken. Dabei nicht berücksichtig ist allerdings eine in diesen Fällen oft sehr hohe Dunkelziffer, die gar nicht erst zur Anzeige kommt. Andererseits erfreulich ist die Aufklärungsrate, nämlich 82,2 %, was zugleich die höchste Klärungsrate des letzten Jahrzehnts ist! Die Polizei sieht ihre Präventionsmaßnahmen greifen und Polizei-General Franz Lang gibt dabei zu Protokoll, „dass neben der Repression vermehrt auch innovative und kreative Konzepte in der Prävention eingeschlagen werden. Dabei steht das Bemühen um mehr Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern im Mittelpunkt.“1

Aber wenn es dann um das Thema Prävention geht, ist zumeist von Opferprävention die Rede. Dies klingt auf den ersten Blick auch sehr einladend, da sie die Gesellschaft als solches von der Verantwortung entbindet und dazu noch kostengünstig ist. Doch Prävention kann nicht nur Opferprävention sein. Das greift schon deshalb zu kurz, weil sie nicht berücksichtigt, dass Gewalt einerseits in einem ungleichen Machtverhältnis zwischen Opfer und Täter stattfindet, und andererseits den Schutz vor solchen Taten an die Opfer delegiert und damit auch der Mythos der „Mitschuld“ aufrecht erhalten bleibt.
Zu einer solchen Tat gehört aber in erster Linie der Gewalttäter, der die Gewalt ausübt, aber auch ein Umfeld, welches v.a. sexuelle Gewalt zumindest tabuisiert, wenn nicht sogar toleriert. Und genau da hat Prävention zu beginnen und in erster Linie anzusetzen: Bei Tätern, potentiellen Tätern von morgen und den die Gewalt begünstigenden Strukturen!

Vor allem in den Bereichen der sexuellen Gewalt, Pädophilie aber auch bei Stalking/Mobbing können bereits im Vorfeld durch solche Maßnahmen viele Taten verhindert werden. Laut Prof. Neil Malamuth von der Universität Los Angeles kann sinnvolle Prävention nur bei den Ursachen ansetzen, kann aber dort dafür sehr wirkungsvoll umgesetzt werden. So wird seiner Meinung nach jemand, der zB im Bereich der sexuellen Gewalt besonders gefährdet ist (durch u.a. grundsätzlich agressives Verhalten, Feindseligkeit gegenüber Frauen, getrennte Betrachtung der Sexualität von Beziehungen und Emotionalität2) nicht zwangsläufig zu einem Straftäter, wenn andere Bedingungen, wie zB zwischenmenschliche Empathie, dafür sorgen, dass die Hemmschwelle zur Tat nicht überschritten wird.

Ähnliches gilt für pädophile Tätergruppen. Allein der Gedanke an diese Handlungen heißt nicht, dass eine kriminelle Handlung auch wirklich folgt, noch sind Gedanken an sich nicht strafbar.3 Wichtig in all diesen Bereichen ist aber laut Malamuth unbedingt, dass Täterprävention unter keinen Umständen eine Stigmatisierung oder Vorverurteilung sein soll. Sie soll vielmehr den Betroffenen helfen, ihre eigene Identität zu finden und soll sie in ihrer Entwicklung fördern.2

Sind bei sexuellen und pädophilen Übergriffen die Täter fast ausschließlich männlich, ist beim Stalking schon beinahe jeder fünfte Täter weiblich. Die Opfer sind mit 86 % jedoch wieder überwiegend Frauen.4
Besonders bemerkenswert beim Stalking ist, dass sowohl Opfer- als auch Tätergruppen über alle Gesellschafts- und Altersschichten zu finden und auch nicht von vorneherein als „Risikogruppen“ einzustufen sind. Es kann sprichwörtlich jeden treffen. Aber auch hier gilt wie bei allen anderen Handlungen: Je früher ein Risiko erkannt wird, desto eher besteht die Möglichkeit, die unter Umständen folgende kriminelle Handlung bereits im Vorfeld zu verhindern.

Gelingt dies, würde das nicht nur die österreichische Kriminalitätsstatistik weiter verbessern, sondern vor allem viel Leid für die potentiellen Opfer ersparen, aber auch zahlreichen Menschen den vorgezeichneten Weg von einem gesellschaftlich wenig anerkannten Leiden hin zur Kriminalität ersparen. Und diese beiden letzten Punkte wären ein echter Gewinn für die gesamte Gesellschaft! Nicht zuletzt deshalb bietet das IFGE Hilfe bei der Täterprävention an. Und wir wollen auch Mut machen, dass sowohl betroffene Männer als auch Frauen ihre Scham überwinden, und diese Hilfe in Anspruch nehmen.


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